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Ballade von der 61

Ein schöner Traum – er endet jäh,

mit dem Wecker, laut und zäh.

Schluss dem Träumen, weil ich muss

aus kuschlischem Bett in den kuschlischen Bus.

 

6.25 – ich kann pünktlich einsteigen,

es ist der Beginn des alltäglichen Reigen:

Ich spring in die Tür, schnell muss es gehen,

der Lohn dafür: Ich muss nicht stehen!

 

Mir gegenüber – was für ein Blick –

sitzt sie (aus Pappritz), weiblich und schick.

Da baumelt vor mir ein Ausweis, es folgt auch ein Satz

Klar – ich mach für Schwerstbehinderte Platz.

 

Nun steh ich und all die stehenden Leute

werden des Busses sichere Beute:

 

Schon zeitig zwingeln sich Leute und zwäng’n,

am Haltepunkt strehlen die Leute schon eng,

am Wasa platzt der Bus dann recht,

Friedrich und David caspern sich schlecht

ihren Weg in die Zelle,

man slubt in ne Elle

freien Platzes glücklich und richtet

sich, bis der Förster dann endlich lichtet.

 

Doch da ist die Zeit schon zu weit geschritten,

tausendmal hat man in sich gelitten,

wenn immer noch wer den Bus noch besteigt –

bis dann schlussendlich die Türe Drei streikt.

 

Der erste Versuch – sie bleibt ungeschlossen,

doch alle, die stehen, sind unverdrossen.

Erst langsam, ich glaub so nach Versuch drei

denkt sich so mancher, dass es vielleicht günstig sei,

sich etwas weiter in den Bus zu schieben,

vom nicht wachen Verstand nun langsam getrieben,

quetscht sich die Menge

in des Busses Länge.

 

An der Tür wird um jeden Centi gerungen,

kleine Erfolge sind schon gelungen:

Versuch acht war knapp, wirklich sehr schade,

doch die lichterne Schranke kennt keine Gnade.

 

Es ist ein Fanal, ein großes Debakel.

Da ertönt aus dem Nichts des Fahrers Orakel:

Ihr dummen Studenten, ihr werd’ es erfahren:

Schließt sich die Tür nicht, wird der Bus nicht fahren!

 

Von dieser Prognose erschreckt und geweckt,

rücken nun auch die Onkel und Tanten,

die eigentlich weit im Inneren standen.

 

Gerade scheint der Platz jetzt zu langen,

der Bus erhebt sich zu Hoffen und Bangen,

da springt im aller letzten Momente

ein Menschenkind – Arschgesicht – schnell und behände

ohne Verstand in Tür Drei hinein

… ein Stückchen Platz schien noch frei zu sein.

 

Der Kampf um Tür Drei beginnt nun von Neuem,

doch inzwischen erwacht, tut man sich nicht scheuen,

mittels Schieben und Drängen, man ist nicht bescheuert,

auch durch des Fahrers Orakel, inzwischen erneuert,

die Körper verschränkt und die Luft angezogen,

kriegt die Tür Drei nun endlich den Bogen.

Glücklich ausatmend fällt man nun dann

eine Sekunde zu früh in des Lichtstrahles Bahn.

 

Während nun man forscht, wo die Lichtschranke sei,

fährt ein halbleerer Bus draußen vorbei.

Er stand hinter uns, doch weil niemand ihn wollte,

macht er – er fährt – was er machen sollte.

 

Was wir machen sollten, was ist uns geblieben?

Die an der Tür nach draußen zu schieben!

Doch wer würd’ das tun? Es würd’ ja schon passen,

wenn zweie in Einsicht denn Bus jetzt verlassen.

 

Es ist ein Drängeln, ein Stoßen, ein Schubsen ein Drücken,

man steht Bauch an Arsch und Kopf an Rücken.

Da plötzlich ein Zischen, ein Puffen, ein Zossen

Die Hydraulik lärmt freudig – Tür Drei ist geschlossen!

 

Gelobet sei Gott, danket den Musen…

Leider hängt mein Kopf der Frau vor mir im Busen.

Wenn jung und schön wär, ich könnt es ertragen,

doch die Schönheit aus Pappritz ist verschwunden im Wagen.

Jedoch die Frau vor mir, speckig und greise

badet bedrängt im eigenen Schweiße.

Hier steh ich, umringt von gestressten Gestalten,

der einzige Vorteil: ich muss mich nicht halten.

 

Wir stoppen grad wieder, man kann es vermuten,

draußen stehen erneut große Fluten.

Einst halbleerem Bus, ich verkneif mir ein Lachen,

scheint inzwischen Tür Drei Ärger zu machen.

 

Auch bei uns öffnen sich jetzt – leider – die Türen

Schleusen, verstopft, die in die Freiheit die führen,

Die den Bus zu verlassen, den Beschluss grade fassen.

Durch 100 Personen, durch 200 Füße und Hände

Da frag man sich doch: Sind sie am Ziel oder sind sie am Ende.

 

Doch bald trotz besagter Aussteiger

Drängen erneut sich im Busse die Leiber.

Als hätt ich’s gewusst, zu früh wär’s Lachen gewesen:

Tür Drei versperrt nun eine Gruppe Chinesen.

 

Ich will das hier nicht mehr, bin nur endlich belastbar.

Die Würde des Menschen ist auch im Bus unantastbar!

Da keimt vom Druck und vom Zorne getrieben

eine Idee bei Versuch Nummer Sieben:

 

Es ist jetzt genug, es ist Schluss in der Tat -

Ab morgen fahr ich den Winter lang Rad!

 

Bei Regen und Schnee fröstelnd und frierend

im Schneematch und Dunkeln die Balance verlierend

werd freudig ich fahren der Uni entgegen,

lachend mir sagen: Was für ein Leben –

Alleine und frei, so fühl ich mich wohl.

Ich zähle die Busse, die ich überhol.

 

Ich verlasse für Räder gefertigte Spur

am Zelleschen Weg, alleine nur

um direkt die wartenden Busse zu schneiden

und mich am Leiden der andren zu weiden.

Langsam fahr ich an ihnen vorbei

und schreie vernehmlich: Es lebe Tür Drei!

 

Doch diese Gedanken war’n nur Imagination.

In Wirklichkeit bin am Rissweg ich schon

bis auf die Knochen durchgefroren,

alle Häme und Freude ist längst verloren.

Spätstens in Strehlen wird das Treten zur Qual,

Tür Drei ist mir jetzt ziemlich egal.

Und so komme ich frierend allein zu dem Schluss

Ab morgen fährst du doch wieder Bus.

 

Die Moral wär vielleicht am Ende der Satz:

Mach niemals Schwerstbehinderten Platz.

Doch kann es wohl nicht so einfach sein

Ich könnt den Bus eher… Ph, vergiss es, ach nein.

 

Ich fahre nun Bus, Tag für Tag - jeden,

man könnt da fast vom Schicksale reden.

Ich werd am Ende die Erkenntnis mir gönnen:

Wer klug sein will, muss leiden können!


Bernhard Steinbrecher