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Die Buskatze

Ich habe ihr den Namen Katja gegeben. Warum Katja?! Das weiß ich nicht, ist mir eben so eingefallen, als ich sie das erste Mal sah. Dabei wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht mal ihr Geschlecht. Hätte ja durch aus ein „Katjos“ sein können. Gegen den Namen scheint sie nichts zu haben, guckt mich mit rätselhaften grünen Augen an, wenn ich lockend rufe und dann hingebungsvoll, als wäre ich nicht vorhanden, ihre Toilette festzusetzen. Ja so ist sie, die Buskatze Katja.

Nur ihretwegen stehe ich jeden Morgen eine halbe Stunde früher auf, beeile mich, um vor den anderen Fahrgästen an der Endhaltestelle zu stehen, in der Tasche Katzenfutter, das beste und teuerste, was die Drogerie zu bieten hat. Immer liegt sie unter dem Linienbus. Als hätte sie gerade eine Inspektion auf Sicherheit absolviert und ich atme auf, sie gesund und munter zu sehen.

Der weiß-haarige Fahrer mit den frechen Augen lächelt, glaubt vielleicht noch, ich komme seinetwegen angerannt. No Sir, denke ich, bei mir zieht deine Masche nicht, guckst doch jedem auf Busen und Beine, und deine Gedanken springen dir dabei aus den Augen. Ich bin ein Katzen-Narr und interessiere mich lediglich für das Tier, auch wenn du es anders deuten möchtest.

Ich weiß nicht, ob er Katzen mag. Anfangs hatte er sie gejagt, der Fahrgäste wegen brummelte er: „So ein Vieh, hat Flöhe und wer weiß was sonst noch. Und eine Katze gehöre nun mal nicht in den Linienbus. Das wäre ja noch schöner!“ „Und eine Fahrkarte hat sie auch nicht…“, lachte ich. Zögerlich zuerst, stimmte er in mein Lachen ein. Dann lachten wir beide, bis uns die Tränen übers Gesicht liefen und er mir seinen Spiegel gab und ein Taschentuch, weil die Wimperntusche mein Gesicht in Streifen schnitt. Seither duldet er die Katze, tut, als wäre sie nicht vorhanden, und ich redetet mir ein, nur meinet wegen. Und Katja? Sie bleibt hartnäckig, sobald die Türen geöffnet werden, springt sie mit erhobenen Schwanz hinein und räkelt sich auf einem sonnigen Sitz. Manchmal liegt sie auf dem Rücken und ihr weißes Bauchfell glänzte im Morgenlicht. Dann frage ich mich, wie sie es fertig bringt, immer so sauber auszusehen. Die Deutung des Sprichwortes von der „Katzenwäsche“ erscheint mir falsch.

Wer einmal einer Mietze beim Putzen zugeschaut hat, muss ganz einfach anderer Meinung sein.

 

Die meisten Fahrgäste mögen die Katze. Haben ein Leckerlie für sie in der Tasche und versuchen, sie zu streicheln, nicht jedem gelingt es. Katja ist stolz, geht nur zu außergewöhnlichen. Dann kann es schon mal vorkommen, dass sie ihnen auf den Schoß springt und so einige Haltestellen verdöst. Manchmal steigt sie an einer x-bliebigen aus und keiner weis, wohin sie geht. Irgendwann ist sie wieder da und steigt zu Günther, dem Fahrer, in den Bus, der mittlerweile auf freier Strecke anhält, sieht er eine schwarz-weiße Katze am Wegrand sitzen. Dann findet sein Fuß automatisch die Bremse. Sie dankt mit fetten Mäusen, die sie unter den Fahrersitz legt, nie woanders hin, denn Katja ist klug. Und Günther? Der wartet bis ich komme, zeigt stumm ins Führerhaus und ich ziehe die mitgebrachten Haushaltshandschuhe an, um die Morgengabe fachgerecht zu entsorgen. Was wird er wohl machen, wenn ich mal nicht mitfahre, denke ich, und grinse schadenfroh in mich hinein.

 

Es gibt Fahrgäste, die mögen Katja nicht. Zu denen hält sie Abstand. Es war wohl auch einer von ihnen, der bei den Verkehrsbetrieben eine Anzeige gemacht hat, denn eines Morgens kam ein Beauftragter mit einem Katzenkorb, der sie einfangen und ins Tierheim bringen sollte. Wie Katja das rausgekriegt hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Auf jeden Fall lies sie sich nicht blicken. Auch nicht am nächsten und übernächsten Tag. Die Fahrgäste wurden befragt. Eine Katze? Nöö, eine Katze habe keiner bemerkt. Alle schüttelten den Kopf.

Nur der feine Pinkel im schwarzen Hut, der offensichtlich über seine Verhältnisse lebt und dem sie das teure Auto gepfändet haben behaupt steif, die Katze sei jeden Tag da.

 

Als die Kontrolle weg blieb, war Katja, zur Freude der meisten, wieder da. Und der feine Pinkel wurde mit finstern Blicken bedacht. Bald darauf fuhr er mit einem Bus früher und keiner scheint ihn zu vermissen.

 

Seit Tagen hat Katja Probleme. Sie hinkt und geht uns aus dem Weg. Ständig hebt sie ihre rechte Vorderpfote und leckt daran. Mit großer Mühe fange ich sie schließlich ein. Der Ballen ihrer Pfote ist heiß und geschwollen. Eigentlich muss ich zur Arbeit. Aber die Katze hat Schmerzen. Günther hat die rettende Idee. Er wird mir bescheinigen, dass der Bus eine Panne hatte. Ich denke nicht, dass mein Chef bei den Verkehrsbetrieben anrufen wird.

Der freundliche Tierarzt gibt der leise fauchenden Katze Antibiotika, sagt, ich solle sie entwurmen, schon der Kleinen wegen. Was denn für Kleine?

 

„Katja wird Mama“, verkünde ich am nächsten Tag den Wartenden an der Haltestelle. Längst schon sind wir keine Fremden mehr. Die Katze hat uns zusammen gebracht und nun wissen wir mehr voneinander. Früher stand jeder für sich, das ist jetzt anders. Grüppchen bilden sich, Tagesereignisse werden diskutiert, aber auch persönliches ausgeplaudert. Wie eine große Familie, denke ich, und eine stille Freude ist in mir. Und Katja? Die läuft mal hier hin und mal dort hin. Streicht um die Beine der Wartenden und fordert Streicheleinheiten ein. Oft sitzt sie neben der blasen jungen Frau mit der gehäkelten Mütze, die bestimmt nicht älter als 30 Jahre ist, mehrmals in der Woche ins Krankenhaus fährt. Sie hat eine Krebserkrankung. Die Gemüsefrau vom Bio-Laden am Palais steckt ihr des öfteren Säfte zu mit der Aufforderung, die auch zu trinken, weil sie so gesund wären und die Abwährkräfte stärken. Und die Frau lächelt, und es ist ihr Lächeln, was uns bald sehr fehlen wird. Und da ist der Mann, der immer so verbissen auf seine Schuhspitzen starrte, der mit keinem sprach, weil er nach 30 Jahren seine Arbeit verloren hatte. Tag für Tag, Jahr für Jahr war er jeden Morgen zur Arbeit gefahren war. Nun kann er nicht anders. Die innere Uhr steht nicht still. Er setzt sich in den Bus, um zur Arbeit zu fahren, die es für ihn nicht mehr gibt. Wenn tagespolitische Themen diskutiert werden, streitet er hitzig, aber ich merke, es tut ihm gut, wenn er sich seine Nöte von der Seele reden kann.

 

Meine Nachricht von der schwangeren Katze schlägt ein wie eine Bombe. Alle reden wild durcheinander. Eine ältere Dame, Inhaberin einer Modeboutique, bietet an, das Tier zu sich zu nehmen, bis es soweit sei, aber wir kommen schließlich überein, Katja in der gewohnten Freiheit zu lassen. Sie ist eine erfahrene Katze und wird wissen, was zu tun ist.

Und dann ist es soweit. Als der Bauch so dick ist, dass er auf dem Boden schleift und sie sehr schwerfällig den Bus besteigt - helfen lässt sie sich ja nicht - ahne ich, dass die Geburt bevorsteht. Nach der Arbeit beeile ich mich, die anderen auch. Ich habe einen großen Pappkarton dabei und lege, da ich nicht an Tücher gedacht habe, meinen Schal hinein. Aus der feinen Boutique kommt ein indisches Seidentuch dazu. Das Wehenbett wird dankbar angenommen. Kurz vor der Endstation sagt jemand: „Ich glaube jetzt geht’s los“. Günther bremst abrupt. Alle schimpfen. Nicht, weil sie fast gestürzt wären, sondern wegen der werdenden Mutter.

Fünf Junge werden geboren, und die noch im Bus Sitzenden haben heute keine Eile nach Hause zu kommen.

 

Katja bleibt mit den Neugeborenen im schützenden Gefährt. Wir wissen uns keinen Rat. Den Karton einfach ins Freien zu bringen fehlt uns der Mut. Und nun beweist sich, dass die Katze eine wirklich richtige Buskatze ist und eine gute Mami dazu, die es fabelhaft versteht, ihre Zeit geschickt einzuteilen und uns alle an der Fürsorge der Katzenkinder zu beteiligen.

 

Die Zeit vergeht. Nach sechs Woche hat Katja die Nase gründlich voll von Kinder hüten und vom ständigen Säugen. Außerdem brauchen die Kleinen jetzt feste Nahrung. Aus diesem Grund kommt Mama mit Mäusen daher. Lebendig natürlich, damit der Nachwuchs lernen kann, wie man sich auf der Katzenart anständig annährt. An die süßen Kätzchen haben sich die Fahrgäste gewöhnt, Neuzugänge einbegriffen, aber mit grauen Feldmäusen mag sich keiner anfreunden. Mein Busfahrer hat Sorgenfalten auf der Stirn. Hoffentlich verpfeift ihn keiner. Noch einmal wird er sich nicht herauswinden können. Ich hänge Zettel in die Wartehäuschen. „Fünf süße Kätzchen zu vergeben.“

 

Es finden sich mehr als zwanzig Bewerber und nur die haben Chancen, die ein Grundstück mit Garten vorweisen können, denn Katjas Nachwuchs soll Artgerecht in die Freiheit auswachsen. Vier finden so ein Zuhause. Das fünfte, das dicke kleine Katerchen, behalte ich selber. Nicht nur weil es wie seine Mama aussieht, sondern seiner frechen Augen wegen. Ich nenne ihn Willy.

 

Eines Tages steigt Katja unterwegs aus und kommt nicht mehr zurück. Wir warten, wir suchen. Es vergehen Tage, dann Wochen. Was ist ihr bloß zugestoßen?

 

Inzwischen schwingt der Winter sein Zepter, klirrende Kälte liegt über dem Land. Ich sitze am PC und schreibe, Willy schnurrt am warmen Kaminofen. Dort macht er es sich immer gemütlich. Manchmal steht er auf, dreht sich, plumpst aufs Kissen zurück um weiter zu schlafen. Meine Blicke streicheln ihn und ich empfinde sein Dasein als tröstlich.

 

Ein lang anhaltendes Klingeln reißt mich abrupt aus der Gedankenwelt. Etwas ärgerlich begebe ich mich zur Tür. In seinen Armen ein steifes struppiges Etwas. Oh Gott, denke ich und weis im gleichen Moment, es ist Katja, unsere Buskatze.

 

An der Endhaltestelle, genau da, wo wir die Katze das erste Mal sahen, tauen wir mit einem Feuer den frostigen Boden und schaufeln ihr ein Grab, in der Gewissheit, sie hätte es gewollt.

 

Danach trinken wir bei mir Glühwein, weil uns innen und draußen kalt ist. Es ist die Nacht der Nächte. Günther bleibt. Ich weis nicht, was er am nächsten Tag seiner Frau erzählen wird. Will es nicht wissen. Seine Zärtlichkeit hüllt mich wie eine warme Decke ein. Seine Hände sagen mehr als Worte könnten. Ich versinke in seinen Augen und mache es mir in seinem Herzen gemütlich.

 

Denke ich heute an Katja, dann flutet mein Körper ein warmes Gefühl. Manchmal gehe ich ans Grab mit dem dünnen Kreuz aus Holz, auf dem kaum noch lesbar steht: „Katja die Buskatze“. Die heute dort warten, können von ihr nichts wissen.

 

Am Linienbus steht ein junger Mann. Er raucht. Es ist der neue Fahrer. Achtlos wirft er seine Zigarettenstummel weg, hinein in die blau blühende Katzenminze, die ich einst auf das Grab pflanzte.

 

Günther ist längst im Ruhestand. Manchmal denke ich an seine frechen zärtlichen Augen und bekomme Gänsehaut.

Heidemarie Mikula