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Die Geschichte vom blinden Busfahrer

Es war an einem 1. April Anfang der 80-iger Jahre. (An das genaue Jahr kann ich mich nicht mehr erinnern). Ich stand am Schillerplatz an der Bushaltestelle der Linie 85 in Richtung Lockwitz. Es fuhr ein Bus selbiger Linie in die Haltestelle ein. Alle Einstiege öffneten, bis auf die vordere und der Fahrer stellte den Motor ab. Unter den wartenden Fahrgästen befand sich auch ein offenbar blinder Mitbürger an der Haltestelle. Er trug eine dunkle Sonnenbrille und einen Hut. In der Hand hatte er einen weißen Blindenstock und an seiner Jacke war, für alle gut sichtbar, das gelbe Blindenzeichen mit den 3 schwarzen Punkten angebracht. Er verhielt sich zunächst unauffällig. Nach ca. 2 Minuten tastete er sich mit seinem Stock an den vorderen Einstieg des Busses, worauf der Fahrer auch die Tür öffnete. Ich dachte, der blinde Mann wollte den Fahrer etwas fragen. Der Mann bat den Fahrer, ihn beim Einsteigen behilflich zu sein. Der Fahrer stand auf und half dem Mann. Dann bat der Mann den Fahrer, ob er sich mal auf den Fahrersitz setzen dürfte. Das wäre schon immer mal sein Wunsch gewesen. Ich saß inzwischen vorn rechts in 2. Reihe und bekam alles gut mit. Der blinde Mann nahm unter Mithilfe des Fahrers auf dem Fahrersitz Platz und genoss sichtlich diesen Moment. Dann bat er den Fahrer, ob er ihm doch mal die vielen Knöpfe und Hebel erklären könnte, die er so im Führerstand vermutete. Das machte der Fahrer auch noch mit und führte die zittrige Hand des Blinden an verschiedene Bedienelemente des Busses. Dies ging so eine Weile und die Fahrgäste waren zum Teil schon etwas unruhig und sehr verwundert über das geduldige Spiel der Beiden. Einige Minuten waren so vergangen bis plötzlich der Fahrer den Bus verließ, um nach etwas zu schauen. Dies nutzte der Blinde, der noch immer auf dem Fahrersitz saß, und tastete nach dem Zündschlüssel, um den Motor zu starten. Nun betätigter er noch das Abfahrtsignal (etwas länger, als man es gewohnt war). Dies war ja bekanntlich das Zeichen, dass die Türen gleich schließen werden. Bei einigen Fahrgästen brach Panik aus und sie versuchten noch schnell den Bus zu verlassen. Denn offenbar hatte der Blinde vor, den Bus in Bewegung zu setzen. Nach bereits erwähntem längerem Klingeln schlossen die Türen tatsächlich und der Bus fuhr an. Nach einigen Metern stoppte der Blinde, stand auf und drehte sich zu den Fahrgästen um. Er nahm Brille und Hut ab und beruhigte die Fahrgäste mit den Worten: April, April!!! Es sein ein abgesprochener Aprilscherz mit seinem Kollegen und es handelt sich um einen ganz normalen Schichtwechsel. Der Blinde war also ein echter Busfahrer der Dresdner Verkehrsbetriebe. Alle waren sehr erheitert und erleichtert und die Fahrt ging sicher weiter. Sicherlich können sich noch einige der Fahrgäste und die beiden Busfahrer an diesen für mich unvergesslichen Tag erinnern. Ich bin gern mit den DVB unterwegs, aber dergleichen erlebte ich nie wieder.


Jörg Pellmann