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Verliebt in die Ikarus-Fahrer
Ich bin Jahrgang 1949 und wuchs in Mockritz auf. Seit ich denken kann, war dort die Bushaltestelle – mal am Dorfplatz, mal an der Babisnauer Straße, mal (und heute noch) auf dem Münzteichweg. Das andere Ende war (und ist) Lockwitz bzw. Luga.
Ich erlebte den Uralten „Riesenschnauzbus“ (wie immer er sich richtig nennen mag, mitunter macht er noch heute Sonderfahrten), sogar Sattelschlepper lernte ich noch kennen als auch später den H6B/S, den wir „Mobbelgusche“ nannten. Damals drängelte man sich noch in die Busse, kaum dass der Schaffner durchkam – und ich fürchtete mich oft, zertreten zu werden. Später hatte man sich an den Haltestellten in eine Schlange zu stellen.
Als ich zum Teenie herangewachsen war, gab es neben den Mobbelguschen den Ikarus („Heck“). Wenn dieser auf der Landstraße von Kaitz nach Mockritz noch mal so richtig „Stoff“ gab, hörte ich das von Weitem und es war Musik für meine Ohren. Neben Javas mit Fuchsschwänzen schwärmte ich inzwischen für Ikarusse und deren Fahrer. Nicht nur ich, sondern auch ein oder zwei Schulfreundinnen. Es war ja sonst nicht viel los im Guten alten Mockritz. Wenn dass also – immer schon sehnsüchtig erwartet – die Ikarusse nahten, positionierten wir uns schon geschickt und richteten alle Augen auf die Fahrerkabine. Die Fahrer hatten alle einen Namen von uns bekommen bzw. teilten wir uns auf, wer wen „haben“ darf (die Fahrer selbst wussten nichts von ihrem Glück).
Wie motiviert waren wir, wenn wir einen Blick oder gar ein Hupen oder Lächeln des Fahrers unseres Herzens abbekommen hatten. Dies wurde dann wie eine Trophäensammlung untereinander stolz verkündet. Unsere Schulranzen tauschten wir gegen Sporttaschen ein, um so etwas älter zu wirken. Und bevor wir auftoupiert in den Bus stiegen(oft fuhren wir, als müsse es so sein von Mockritz nach Lockwitz und von Lockwitz nach Mockwitz) dieselten wir uns mit Veilchenparfüm für eine Mark ein. Einmal sagte ein Fahrer „es stinkt“.
All unsere jungfräulichen Träume schienen sich um die Busfahrer – die damals dunkle Uniformen und Mützen trugen – zu drehen (die Beatles waren zu unerreichbar). ...
Eines Tages erhielten wir in der Schule den Auftrag, uns gute Taten auszudenken und zu realisieren, es hieß wohl Timurtrupp-Arbeit. Ich hatte DIE Idee: Da es schon etwas winterlich war, den Busfahrern an der Endhaltestelle in Mockritz heißen Tee auszuteilen“ Was für eine gute Tat“
Heute weiß ich nicht mehr, in welchem Behälter ich den Pfefferminztee dahin trug. Jedenfalls, als ich dann meinem ersten Opfer Tee im Becher reichen wollte, was der Becher undicht du das kostbare Nasse tropfte auf die ersehnte Busfahrerhose. Der Angebetete sprach: „Aber Mädel das Ding is ja undicht.“ Ich war beschämt und war am Ende meiner guten Taten, ich konnte nichts entgegnen, auch nicht, dass es eine gute Tat sein sollte. Der Fahrer fuhr von dannen, meine Mission hatte sich erübrigt.
Nichts desto trotz aber hielt das Thema Busfahrer noch weitere 2-3 Jahre unvermindert an, bevor wir langsam unseren Erlebnisradius erweiterten.
Das große Ereignis sollte ja auch erst noch kommen, als ich „meinem“ Busfahrer auf dem Rummel begegnete, wo er mit einem Kollegen war, der sich wiederum für meine Begleiterin, für die er „zugeteilt“ war, interessiert zeigte. DAS war für uns sensationeller als wenn wir die Beatles getroffen hätten. Ein Traum wurde wahr ...
Die Sache wurde gekrönt, als ich mit „meinem“ Busfahrer, der 12 Jahre älter als ich war, mit dem Motorrad mitfahren konnte. Diese sensationelle Mischung, Busfahrer UND Motorrad!
Während meine Klassenkameradin die Ehefrau „ihres“ Busfahrers aufsuchte, um ihr zu sagen, dass dieser nicht treu sei – obzwar sie (die Klassenkameradin) mit ihm nicht viel angestellt hatte.
Dann langsam war unsere Busfahrersehnsucht gestillt und wir begannen, unser „Jagdrevier“ mehr in die Stadt zu verlagern.
Bald kam die Zeit, wo es nicht mehr interessant war, welcher Fahrer den Bus steuerte, sondern nur noch, dass der Bus pünktlich kommt. Und so ist es auch heute noch.
Sabine Mannhaupt





