Streifzug 4: Aus der Friedrichstadt ins Ostragehege

Das Ostragehege, einzigartig gelegen im Elbbogen zwischen Übigau und Leipziger Vorstadt, wurde geprägt durch wechselnde Nutzungen: kurfürstliches Kammergut und eingehegtes Jagdrevier, Industriebezirk mit Hafen, Mühle und Schlachthof sowie aktuell Sport-, Kultur- und Messekomplex. Jahrzehntelang in Vergessenheit geraten und städtebaulich vernachlässigt, rückt diese Insel mit der Messelinie 10 nun näher an die Stadt, seine Bürger und Gäste heran und lädt dazu ein, neu entdeckt zu werden.

Kurzbeschreibung

Ausschnitt Stadplan Dresden Friedrichstadt und Ostragehege
  • Die Tour ist nicht durchgehend barrierefrei.
  • Dauer der Tour: 2 bis 2,5 Stunden
  • Erreichbarkeit des Startpunktes: Haltestelle "Weißeritzstraße" (Straßenbahnlinie 10 und Buslinie 94)
  • Rückfahrtmöglichkeiten: Haltestelle "MESSE DRESDEN" (Straßenbahnlinie 10)

Wegbeschreibung

Weißeritzstraße – Marcolini-Palais

Der Name der Ausgangshaltestelle "Weißeritzstraße" erinnert daran, dass die Weißeritz bis Ende des 19. Jahrhunderts parallel zum heutigen Bahndamm floss. Eine Ende des 17. Jahrhunderts geplante Handwerkeransiedlung Neustadt-Ostra wurde von den Dresdner Innungen boykottiert und wuchs nur langsam. Daraufhin siedelten sich Hofbeamte und wohlhabende Bürger entlang der Ostraer Gasse an. Sie ließen sich Sommerwohnungen und Gartenanlagen errichten. 1734 nach Kurfürst Friedrich August II. benannt, wurde die Friedrichstadt 1835 nach Dresden eingemeindet. 26 Informationstafeln verweisen heute im Stadtteil auf Ereignisse, bedeutende Personen oder Gebäude. In der Friedrichstraße wird an das blutige Ende einer Arbeiterversammlung 1933 im damaligen Ball- und Konzerthaus „Keglerheim“, an das Geburtshaus des Landschaftsmalers Adrian Ludwig Richter sowie das Wohnhaus von Professor Andreas Schubert, dem Konstrukteur des ersten sächsischen Elbdampfschiffes „Königin Maria“ (1837) und der ersten deutschen Lokomotive „Saxonia“ (1839) erinnert. Auch heute werden verlorene Orte, wie die Spirituosenfabrik Bramsch oder die „kurfürstliche Menagerie“, aufgezeigt.

Ein Abstecher auf den Alten Katholischen Friedhof ist lohnenswert. Durch die Konversion August des Starken im damals fast ausschließlich evangelisch-lutherischen Sachsen notwendig geworden, entstand er 1721. Er gehört auf Grund zahlreicher Grabstätten berühmter Persönlichkeiten zu den kulturhistorisch Bedeutsamen in Dresden. Der Komponist Carl Maria von Weber, der Bildhauer Balthasar Permoser und der Maler Gerhard von Kügelgen fanden ebenso ihre letzte Ruhe wie polnische Emigranten, die Mitte des 19. Jahrhundert in Dresden Asyl bekamen. Zahlreiche Grabsteine mit polnischen Inschriften belegen das.

Beeindruckend ist das barocke Marcolini-Palais gegenüber. Richard Wagner wohnte dort und Kaiser Napoleon verhandelte hier 1813 vergebens mit Metternich. Ende 1849 richtete die Stadt ein Krankenhaus ein. Seither gab es ständig bauliche Erweiterungen, deren Ergebnis heute ein leistungsfähiges Krankenhaus ist. Das Klinikum verfügt über 970 Betten und beschäftigt derzeit 1.700 Mitarbeiter. Die Gartenanlage mit interessantem Baumbestand wird durch eine Brunnenanlage von europäischem Rang, dem mächtigen Neptunbrunnen, bekrönt. In der Matthäuskirche befindet sich die Gruft des Erbauers des Dresdner Zwingers Daniel Matthäus Pöppelmann.

Trümmerberg – Museumshafen 

Entlang der neuen Straßenbahntrasse erreicht man die Magdeburger Straße und erklimmt gleich darauf den Trümmerberg. Zwischen 1949 und 1952 brachten Trümmerbahnen den Schutt der zerstörten Innenstadt rund um den Neumarkt hierher. Heute hat man von hier oben einen fantastischen Panoramablick und eine gute Übersicht über das gesamte Ostragelände mit Hafen, Flutrinne, Elbwiesen, ehemaligem Schlachthof und Sportpark. Über Jahrhunderte zuvor verschob die Weißeritz Geröll nach Norden und eine inselartige Erhebung entstand, das heutige Ostragehege. Eine Urkunde von 1206, in der auch der Name „Dresdene“ erstmalig auftaucht, nennt auch das Dorf „Oztrov“. Im Slawischen bedeutet es so viel wie „Insel“.

Zunehmender Eisenbahn- und Schiffsverkehr verlangte Ende des 19. Jahrhunderts neue Lösungen innerhalb des Stadtgebietes. Das Gelände nordwestlich der Innenstadt mit fast 50 Hektar Wiesenland war wie geschaffen für eine ausgedehnte Hafenanlage. Wiederkehrende Hochwasser forderten zudem Schutzmaßnahmen für die Stadtentwicklung. Die Weißeritzmündung wurde westlich nach Cotta verlegt und zeitgleich mit dem Hafenausbau quer durch das Gelände eine über 300 Meter breite Flutrinne angelegt. Für das über einen Kilometer lange Hafenbecken und die Flutrinne wurden von 1891 bis 1895 über 1,5 Millionen Kubikmeter Erdreich ausgehoben. Den Aushub verwendete man für den Ablaufberg des Friedrichstädter Rangierbahnhofes sowie eine hochwassersichere Aufschüttung, die spätere Schlachthofinsel. Mit einem heute kleineren Hafenbecken ist der Alberthafen neben dem Umschlag von Stück- und Schüttgut zum Experten für den Versand von Rotorblättern, großen Aggregaten und Schwerlastgütern geworden.

Unübersehbar ganz in weiß die Bienertsche Hafenmühle. Nach Entwürfen von Lossow und Kühne, den Architekten unter anderem des Dresdner Schauspielhauses und des Hauptbahnhofes in Leipzig, entstand mit diesem 64 Meter hohen Koloss aus Eisenbeton 1913 ein noch heute stadtbildprägender Industriebau. Dresden wurde damit zum größten deutschen Umschlagplatz für Überseegetreide mit pneumatischer Ausladung.

Im ehemaligen Sozial- und Kulturgebäude des Hafens von 1956 lädt nach dem Umbau 1995 ein Fischrestaurant mit erlesener Speisekarte und einem über 5.000 Liter großen Meerwasseraquarium zum Verweilen ein. Sehenswert im kleinen Museumshafen ist unter anderem der fast hundertjährige Schleppkahn „Waltraut“ sowie im großen Hafenbecken das Minensuchboot „Atlantis“ der Bundesmarine, das von 1968 bis 1995 im Dienst war. Nach städtischem und industriellem Teil steht nun vorwiegend das Landschaftserlebnis im Vordergrund.

Übigauer Allee – Elbauen

Entlang des Hafenweges erreicht man nach 500 Metern die Übigauer Allee, eine von ehemals drei großzügig angelegten Alleen. Die breite Flutrinne querend, sind an einigen der 120-jährigen Linden Spuren der letzten Hochwasser zu erkennen. Am 15. August 1813 fand hier die wohl letzte Parade Napoleons auf deutschem Boden statt. Zur Feier seines 44. Geburtstages marschierten 40.000 Mann über drei Stunden am Kaiser und am König Friedrich August I. vorüber. Am Ende der Allee, auf der anderen Elbseite gelegen, erblickt man Schloss Übigau. Es war nach den Plänen August des Starken als westlichster Punkt seines „Canale Grande“ via Residenzschloss zum Schloss Pillnitz gedacht. Ein technisches Denkmal der ehemaligen Übigauer Schiffswerft ist erhalten. Der eiserne Drehkran mit 30 Tonnen Tragkraft, 1891 einst modernster Uferkran seiner Zeit, diente zum Einheben der schweren Schiffsmotoren in die dort gebauten Schiffe.

Nun folgt man im weiten Bogen dem Pfad über die Elbauen oder geht direkt am Elbufer entlang. Diese Wiesen sind Brut- und Nahrungsrevier zahlreicher Vogelarten und Kleinsäuger, darunter das seit Ende des 20. Jahrhundert bekannte Vorkommen des Wachtelkönigs. Das gegenüberliegende Elbufer offenbart uns eine Stadtsilhouette, die sich mit Dresdens Erscheinungsbild prägender Baukultur, wie etwa vom Zentrum elbaufwärts bis nach Pillnitz hinauf, nicht vergleichen lässt. Wenige Ausnahmen sind das schlummernde Schloss Übigau, die malerischen Dorfkerne von Alt-Mickten und Alt-Übigau oder der Pieschener Winkel mit Hafen und markantem Brückenpylon.

Pieschener Allee – Sportpark Ostra

Vis-à-vis vom Ballhaus Watzke beginnt die Pieschener Allee. Diese vierreihige Lindenallee wurde um 1720 angelegt und war Teil einer auf das Residenzschloss ausgerichteten barocken Parkanlage, die aber nie ausgeführt wurde. Aus dieser Zeit sind noch 35 Linden erhalten. Durch die Nutzung als Kohle- und Schrottlagerplatz sowie als wilde Müllhalde kam es Ende des 19. Jahrhundert zu großen Beschädigungen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in großem Stil neu gepflanzt. 1995 mit 70 Bäumen „geschlossen“, ist diese etwa zwei Kilometer lange Allee heute ein Flächennaturdenkmal. Hier findet man unter anderem 23 Brutvogelarten und die europaweit einzige Population des nearktischen Bockkäfers (parandra brunnea).

Auf halbem Wege geht es rechts durch die Gartensparte auf den Messering. Gegenüber erstreckt sich der Sportpark Ostra. Seit 1919 nutzt der Dresdner Sportclub 1898 hier verschiedene Anlagen. Unter Trainerlegende Helmut Schön hat der DSC in den 1940ern mit je zwei Deutschen Meister- und Pokalsiegertiteln Fußballgeschichte geschrieben. Im Heinz-Steyer-Stadion stellten zwischen 1973 und 1986 zehn Frauen insgesamt 13 Weltrekorde in verschiedenen Leichtathletik-Disziplinen auf. Mit dem Eissport- und Ballspielzentrum, der EnergieVerbund-Arena sowie der Weiterentwicklung von bestehenden Sportanlagen bietet sich ein einmaliges Angebot für sportliche Aktivitäten. Heute strömt man zu den Spielen der Dresdner Eislöwen hierher, begegnet erfolgreichen Volleyballerinnen, Short-Trackern und Leichtathleten.

Ehemaliger Vieh- und Schlachthof – MESSE DRESDEN

Wie eine malerische Siedlung in offener Landschaft erscheint der ehemalige Vieh- und Schlachthof. Stadtbaurat Hans Erlwein schuf 1906 bis 1910 die modernste Anlage ihrer Art in Europa, die nicht nur funktionell hervorragend war sondern auch baukünstlerisch hohen Ansprüchen genügte. Sie bestand aus 65 Gebäuden, darunter Stallungen, Markthallen, Hotel sowie großer Gastwirtschaft und verfügte über eigenen Bahnanschluss, Energieversorgung und Abwasserreinigung. In Kurt Vonneguts populärstem Roman „Schlachthof Nummer 5“ wurde er 1969 zum Motiv. Vom Krieg weitgehend verschont, kam es 1995 zur Schließung. Neue Nutzungen prägen heute das alte Areal. Das Sportschulzentrum am Messering 2a stellt seit 2007 den Mittelpunkt des Nachwuchsleistungssports in Dresden dar und vereint Sportgymnasium, Sportmittelschule und Sportinternat sowie das Nachwuchsleistungszentrum der SG Dynamo Dresden. Hier sind gegenwärtig zwölf Sportarten mit über 900 Nachwuchsathleten konzentriert.

Nach umfangreichen Umbau- und Sanierungsarbeiten eröffnete 1999 nebenan die MESSE DRESDEN im alten Industriedenkmal ihre Pforten. Die Halle 1, größte der vier Hallen, fasst bis zu 10.000 Besucher bei Konzerten. Hier finden neben Messen, Konzerten und Shows auch große Kongresse statt. Zirka 23.000 Quadratmeter überdachte Hallenfläche und 13.500 Quadratmeter Freifläche stehen insgesamt zur Verfügung. Das Tagungszentrum BÖRSE DRESDEN erinnert mit seinem Namen an die ehemalige Nutzung des Hauptgebäudes als Handels- und Bewertungsbörse für das hier verarbeitete Nutzvieh.

Durch die neue Straßenbahnanbindung haben weitere Investoren Interesse an diesem Standort gefunden. Im früheren Schafstall wird ein Café am Messeteich entstehen. Die alte Rinderhalle im Norden soll zu einer Eventhalle mit Erlebnisgastronomie umgestaltet werden und in der alten Schweinehalle im Süden eine preiswerte Herberge einziehen. Auch für das markanteste Gebäude, das alte Maschinen- und Kesselhaus hinter dem Sportschulzentrum, den sogenannten „Schweinedom“, gibt es Pläne für eine Therme oder ein Hotel. An der Haltestelle "MESSE DRESDEN" zwischen Messeeingang und -teich endet unser Rundgang.

Die Ausarbeitung dieses Wandertipps erfolgte mit freundlicher Unterstützung von  igeltour Dresden, dem Spezialisten für Führungen durch die Dresdner Stadtteile.


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