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Busgeschichte (9)

Die Buskatze

von Heidemarie Mikula

 

Nur ihretwegen stehe ich jeden Morgen eine halbe Stunde früher auf, beeile mich, um vor den anderen Fahrgästen an der Endhaltestelle zu stehen, in der Tasche Katzenfutter, das beste und teuerste, was die Drogerie zu bieten hat. Immer liegt sie unter dem Linienbus. Als hätte sie gerade eine Inspektion auf Sicherheit absolviert und ich atme auf, sie gesund und munter zu sehen. Die Buskatze – ich habe ihr den Namen Katja gegeben. Warum Katja?! Das weiß ich nicht, ist mir eben so eingefallen, als ich sie das erste Mal sah.
Der weißhaarige Busfahrer mit den frechen Augen lächelt, glaubt vielleicht noch, ich komme seinetwegen angerannt. Nein, ich bin ein Katzen-Narr und interessiere mich lediglich für das Tier. Ich weiß nicht, ob er Katzen mag. Anfangs hat er sie gejagt, der Fahrgäste wegen brummelte er:»So ein Vieh, hat Flöhe und wer weiß, was sonst noch. Und eine Katze gehört nun mal nicht in den Linienbus. Das wäre ja noch schöner!« – »Und eine Fahrkarte hat sie auch nicht …«, lachte ich. Zögerlich zuerst, stimmte er in mein Lachen ein. Dann lachten wir beide, bis uns die Tränen übers Gesicht liefen und er mir seinen Spiegel gab und ein Taschentuch, weil die Wimperntusche mein Gesicht in Streifen schnitt. Seither duldet er die Katze, tut als wäre sie nicht vorhanden. Und Katja? Sie bleibt hartnäckig. Sobald die Türen geöffnet werden, springt sie mit erhobenem Schwanz hinein und räkelt sich auf einem sonnigen Sitz. Manchmal liegt sie auf dem Rücken und ihr weißes Bauchfell glänzt im Morgenlicht. Dann frage ich mich, wie sie es fertig bringt, immer so sauber auszusehen.
Die meisten Fahrgäste mögen die Katze. Haben ein Leckerli für sie in der Tasche und versuchen, sie zu streicheln. Nicht jedem gelingt es. Katja ist stolz, geht nur zu ausgewählten Leuten. Dann kann es schon mal vorkommen, dass sie ihnen auf den Schoß springt und so einige Haltestellen verdöst. Manchmal steigt sie an einer x-beliebigen Haltestelle aus und keiner weiß, wohin sie geht. Irgendwann ist sie wieder da und steigt zu Günther, dem Fahrer, in den Bus. Günther hält mittlerweile auf freier Strecke an, sobald er eine schwarzweiße Katze am Wegrand sitzen sieht. Katja dankt mit fetten Mäusen, die sie unter den Fahrersitz legt.
Es gibt Fahrgäste, die mögen Katja nicht. Zu denen hält sie Abstand. Es war wohl auch einer von ihnen, der bei den Verkehrsbetrieben eine Anzeige gemacht hat. Eines Morgens kommt ein Herr mit einem Katzenkorb, der sie einfangen und ins Tierheim bringen soll. Wie Katja das rausgekriegt hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Auf jeden Fall lässt sie sich nicht blicken. Auch nicht am nächsten und übernächsten Tag. Die Fahrgäste werden befragt. Eine Katze? Nö, eine Katze habe keiner bemerkt. Alle schütteln den Kopf. Nur der feine Pinkel mit schwarzem Hut behauptet steif, die Katze sei jeden Tag da. Als die Kontrolle wegbleibt, ist Katja, zur Freude der meisten, wieder da.
Seit Tagen hat Katja Probleme. Sie hinkt und geht uns aus dem Weg. Ständig hebt sie ihre rechte Vorderpfote und leckt daran. Mit großer Mühe fange ich sie schließlich ein. Der Ballen ihrer Pfote ist heiß und geschwollen. Eigentlich muss ich zur Arbeit. Aber die Katze hat Schmerzen. Günther hat die rettende Idee. Er wird mir bescheinigen, dass der Bus eine Panne hatte. Ich denke nicht, dass mein Chef bei den Verkehrsbetrieben anrufen wird. Der freundliche Tierarzt gibt der leise fauchenden Katze Antibiotika, sagt, ich solle sie entwurmen, schon der Kleinen wegen. Was denn für Kleine?
»Katja wird Mama«, verkünde ich am nächsten Tag den Wartenden an der Haltestelle. Längst schon sind wir keine Fremden mehr. Die Katze hat uns zusammengebracht und nun wissen wir mehr voneinander. Früher stand jeder für sich, das ist jetzt anders. Grüppchen bilden sich, Tagesereignisse werden diskutiert, aber auch Persönliches ausgeplaudert. Wie eine große Familie, denke ich, und eine stille Freude ist in mir. Und Katja? Die läuft mal hierhin und mal dorthin. Streicht um die Beine der Wartenden und fordert Streicheleinheiten ein. Meine Nachricht von der schwangeren Katze schlägt ein wie eine Bombe. Alle reden wild durcheinander. Eine ältere Dame, Inhaberin einer Modeboutique, bietet an, das Tier zu sich zu nehmen bis es soweit sei, aber wir kommen schließlich überein, Katja in der gewohnten Freiheit zu lassen. Sie ist eine erfahrene Katze und wird wissen, was zu tun ist.
Und dann ist es soweit. Ihr Bauch ist so dick, dass er auf dem Boden schleift und sie sehr schwerfällig den Bus besteigt. Ich ahne, dass die Geburt bevorsteht. Nach der Arbeit beeile ich mich, die anderen auch. Ich habe einen großen Pappkarton dabei und lege, da ich nicht an Tücher gedacht habe, meinen Schal hinein. Aus der feinen Boutique kommt ein indisches Seidentuch dazu. Kurz vor der Endstation sagt jemand: »Ich glaube, jetzt geht’s los«. Fünf Junge erblicken das Licht der Welt, und die noch im Bus Sitzenden haben heute keine Eile, nach Hause zu kommen.
Die Zeit vergeht. Nach sechs Woche hat Katja die Nase gründlich voll vom Kinderhüten und dem ständigen Säugen. Außerdem brauchen die kleinen jetzt feste Nahrung. Aus diesem Grund geht Katja wieder auf Mäusejagd. An die süßen Kätzchen haben sich die Fahrgäste gewöhnt – Neuzugänge inbegriffen –, aber mit grauen Feldmäusen mag sich keiner anfreunden. Mein Busfahrer hat Sorgenfalten auf der Stirn. Hoffentlich verpfeift ihn keiner. Noch einmal wird er sich nicht herauswinden können. Ich hänge Zettel in die Wartehäuschen: »Fünf süße Kätzchen zu vergeben«. Vier finden so ein zu Hause. Das fünfte, das dicke kleine Katerchen, behalte ich selber. Nicht nur weil es wie seine Mama  aussieht, sondern seiner frechen Augen wegen. Ich nenne es Willy.
Eines Tages steigt Katja unterwegs aus und kommt nicht mehr zurück. Wir warten, wir suchen. Es vergehen Tage, dann Wochen. Was ist ihr bloß zugestoßen? Inzwischen schwingt der Winter sein Zepter, klirrende Kälte liegt über dem Land. Ich sitze am PC und schreibe, Willy schnurrt am warmen Kaminofen. Ein langanhaltendes Klingeln reißt mich abrupt aus der Gedankenwelt. Etwas ärgerlich begebe ich mich zur Tür. Draußen steht Günther, in seinen Armen ein steifes struppiges Etwas. Oh Gott, denke ich und weiß im gleichen Moment, es ist Katja, unsere Buskatze. An der Endhaltestelle, genau da, wo wir die Katze das erste Mal sahen, tauen wir mit einem Feuer den frostigen Boden und schaufeln ihr ein Grab.
Denke ich heute an Katja, gehe ich manchmal ans Grab mit dem dünnen Kreuz aus Holz, auf dem kaum noch lesbar steht: »Katja, die Buskatze«. Die heute dort warten, können von ihr nichts wissen. Am Linienbus steht ein junger Mann. Er raucht. Es ist der neue Fahrer. Achtlos wirft er seine Zigarettenstummel weg, hinein in die blau blühende Katzenminze, die ich einst auf das Grab pflanzte.


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