Streifzug 3: Hellerau - Erste deutsche Gartenstadt

„Eine stille Landschaft, nahezu unbebaut…, die Aussicht prachtvoll, die Luft würzig…“, so schwärmte Karl Schmidt 1908, nachdem er bei einer Radtour durch Dresdens reizvolle Umgebung die Au am Heller entdeckte.

Von diesem Ort angetan, beschließt der Laubegaster Möbelfabrikant, aus dem zu eng gewordenen Dresden sein Unternehmen auf den Heller zu verlegen und zum ersten Mal in Deutschland eine Gartenstadt nach englischem Vorbild zu errichten. Diese sozialreformerische Idee der Einheit von Arbeit, Wohnen und Kultur war die Reaktion auf Auswüchse der Industrialisierung mit ihren sozialen und städtebaulichen Folgen. Richard Riemerschmid entwarf den Masterplan für das 140 Hektar große Gelände. 1909 wurde der Grundstein für die Werkstätten gelegt. Namhafte Architekten wie Muthesius, Tessenow, Paul und Fischer planten ländliche Reihenhäuser, Schulen, geschwungene Straßen und das Villenviertel. Der Publizist und Mäzen Wolf Dohrn prägte das kulturelle Leben. Das Festspielhaus zog ab 1912 Reformbegeisterte aus ganz Europa an. Der lebendige Austausch zwischen Siedlung, Werkstätten und Festspielhaus begründete den Ruf von Hellerau.

Kurzbeschreibung

Ausschnitt Stadplan Dresden Hellerau
  • Die Tour ist nicht durchgehend barrierefrei.
  • Dauer der Tour: Hauptroute 1,5 bis 2 Stunden, mit Anschlussroute 2 bis 2,5 Stunden
  • Erreichbarkeit des Startpunktes: Haltestelle "Am Hellerrand" (Straßenbahnlinie 8, Buslinie 72)
  • Rückfahrtmöglichkeiten: Haltestelle "Festspielhaus Hellerau" (Straßenbahnlinie 8, Buslinie 72) Haltestelle "Brunnenweg" (Straßenbahnlinie 8, Buslinien 70 und 72)

Wegbeschreibung

Am Hellerand - Deutsche Werkstätten Hellerau

Von der Haltestelle „Am Hellerrand“ führt der Weg zunächst auf den Hellerauer Friedhof. Bergan am ersten Weg rechts finden Sie das Grab von Schmidt-Hellerau. Von der Kapelle aus bietet sich ein Blick über die Dachlandschaft der Gartenstadt. Über den „Kurzen Weg“ erreichen Sie den Markt. An der Westseite die von Riemerschmid 1909 geplante zweigeschossige, leicht geschwungene Ladenzeile. Die anderen Seiten wurden erst 1927 bis 1930 mit Mietwohnungen, Läden und dem „KAFFEE HELLERAU“ durch Kolbe und Wrede komplettiert. Das Kleinhausviertel „Am Grünen Zipfel“ zeigt typische Hellerauer Architekturdetails, wie die Farben für Fassaden und Holzteile, Fachwerk im Obergeschoss, Sprossenfenster und hinter den 34 Reihenhäusern schmale „Mistwege“. Am südlichsten Punkt steht das erste Haus der Gartenstadt. Gegenüber baut ein Förderverein mit großem Engagement die verfallene Waldschänke als Bürgerzentrum wieder auf. Das einst beliebte Ausflugslokal mit seinem großen Biergarten wurde vermutlich um 1898 erbaut. Hier saßen gern die Besucher der neuen Gartenstadt. Auch Soldaten und Offiziere des nahen Truppenübungsplatzes kehrten hier gerne ein.

Die Zufahrt zum ehemaligen Wohnhaus von Karl Schmidt-Hellerau schmückt ein schmiedeeisernes Jugendstil-Tor. Richard Riemerschmid schuf es 1903 für die Dresdner Kunstgewerbeschau. Nicht zu übersehen ist der Werkskomplex der Deutschen Werkstätten Hellerau (DWH). In Form einer Schraubzwinge erbaut, begann 1910 die Produktion der gefragten „Maschinenmöbel“ in Serie. Seit der Reprivatisierung 1992 haben sich im Gebäudeensemble Hellerau innovative Unternehmen angesiedelt. Etwa 400 Technologen, Wissenschaftler, Architekten und Künstler arbeiten und wohnen auf dem Gelände. Der charmante Innenhof und repräsentative Tagungs- und Veranstaltungsräume werden gern genutzt. Das zum Restaurant „Schmidts“ umgebaute Lager- und Auslieferungshaus, das neu errichtete Bruno-Paul-Haus im Stil der ehemaligen Spänebunker oder die neuen Atelierhäuser spiegeln eine einzigartige Architektur wider. Colin Ardleys Skulptur „genius loci“, viereinhalb Tonnen aus Stahl und Aluminium, bildet eine Brücke zwischen den Bauten. Die DWH selbst produzieren seit 2006 im gegenüber errichteten Neubau exklusiv designte Gebäude- und Schiffseinrichtungen. In Dresden statteten die DWH unter anderem die Semperoper (1985), den Sächsischen Landtag (1994) oder die Neue Synagoge (2001) aus.

Heideweg 24/26 - Am Sonnenhang

Nun betritt man das Landhausviertel. Die Doppelhausanlage Heideweg Nummer 24/26 schuf der Goetheverehrer Heinrich Tessenow 1911. Ähnlichkeiten zum Gartenhaus im Park an der Ilm sind unverkennbar. Die vier Putti schuf Johanna Dohrn. Nur wenige Schritte danach führt linker Hand ein schmaler Weg den Hang hinauf und quert den Tännichtweg. In der Nummer 9 befand sich die erste Arztpraxis, später die erste Schule für Gymnastiklehrerinnen. Nach einigen Stufen ist man „Auf dem Sande“. Künstler, Unternehmer und wohlhabende Pensionäre ließen sich hier nieder. In der Nummer 11 befand sich bis 1930 der Jakob Hegner Verlag, im Doppelhaus Nummer 13/15 wohnte der Plauener Mühlendirektor Friedrich Bienert und in der Nummer 10 der Tanzpädagoge Jaques-Dalcroze.

Am Schänkenberg - Am Schützenfelde

Der Weg führt am kleinen Teich vorbei, dem sogenannten Gondler, zum Heideweg 20. Hier wohnte der kulturelle Ideengeber und Mäzen der Gartenstadt Wolf Dohrn bis zu seinem Tode 1914. Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Gartenstadt veranstalteten die DWH 1935 die Ausstellung „Kleinhaus und Kleinwohnung“. Unweit des Marktes entstanden auf einem Waldhügel „Am Sonnenhang“ 15 Holzhäuser. Auch die gesamte Ausstattung fertigten die Hellerauer Werkstätten. Man wollte hier beispielhaft demonstrieren, dass es möglich ist, mit wenig Geld gut gestaltete Eigenheime zu errichten. Die DWH bauten etwa 360 Holzhäuser, darunter 41 in Prohlis und 45 in Leubnitz-Neuostra. Zu den Architekten in Hellerau gehörte auch Wilhelm Kreis, unter anderem bekannt durch das Deutsche Hygiene-Museum. Nach Ablauf der Ausstellung blieb alles als Dauersiedlung erhalten. Weitere Häuser kamen hinzu, zuletzt 2009 der Neubau „Am Markt 7“.

Nördlich des Marktes geht es durch ein Areal mit Kleinhäusern und Gärten und Mietvillen der Gründerarchitekten Riemerschmid, Tessenow und Muthesius. In der Straße „Am Schänkenberg“ trifft man zuerst auf den Reihenhauskomplex Nummer 38 bis 44. 1919 entstanden einfache und kostengünstige Wohnungen. Diese Art zu bauen sollte für Kriegsheimkehrer zum Tragen kommen. Die Häuser Nummer 17 bis 23 wurden bereits 1911 mit der Tessenow-Patentwand errichtet. Durch eine doppelte Wandkonstruktion konnte die Luft in die schmalen Hohlräume durch Schlitze in den Scheuerleisten einströmen und über den Dachraum wieder ausströmen.
In Richtung Straßenbahntrasse folgt man der Straße „Am Pfarrlehn“ und trifft rechts auf eine auffällige Fünfer-Reihenhauszeile Nummer 4 bis 12, die wegen ihrer Fassade auch „Scheune“ genannt wird. Das Fachwerk im Obergeschoss wurde mit abwechslungsreicher Ziegelausfachung mit Klinker, Hartbranntstein und Normalziegel gestaltet sowie mit Ochsenblut oder Lehmanstrich versehen.

Nach Überquerung der 1913 bis 1914 angelegten Straßenbahntrasse fallen bauhausartige Gebäude von 2010 ins Auge. Bereits bei den ersten Planungen für die Gartenstadt wurden vorausschauend Reserveflächen geplant. 15.000 Einwohner sollten in Hellerau ihre Heimstadt finden, heute sind es etwas mehr als 6.000. Das Straßenschild „Am Schützenfelde 29-57“ weist den Weg durch eine Tordurchfahrt in den ruhigen Gartenbereich der Grundstücke. Diese Häuserreihen mit Kopf- und Mittelbauten sind klar gegliedert und gut proportioniert. Durch den Torbogen zur Hendrichstraße erreicht man die nördliche Grenze zu Klotzsche.

Am Schulfeld - Festspielhaus Hellerau

„Am Pfarrlehn“ bietet ein zweigeteiltes Bild. Linker Hand findet man Volkswohnungen von 1937 mit markanten Spitzgiebeln und am Beginn des Finkensteiges, dem damals herrschenden Zeitgeist entsprechend, einen Brunnen unter einem Lindenbaum. Gegenüber präsentieren sich vier Häuserzeilen mit blauen Fassaden, beigefarbenen Holzelementen und kleinen Gärten dazwischen. Mit der Gartenstadterweiterung der STESAD (1997 bis 1999) haben die Architekten Baltin und Partner hier „Am Schulfeld“ die Kleinteiligkeit, die Materialien und die Raumwirkung der einstigen Mustersiedlung aufgegriffen und modern interpretiert. In diesem anspruchsvollen Reihenhausensemble verbindet sich der Charme der Gartenstadttradition mit dem Komfort moderner Architektur. Folgen Sie dem Finkensteig bergan.

In der Heinrich-Tessenow-Straße 20, am ehemaligen Kindergarten und schönen Feuerlöschgerätewerk, der zweiten bedeutenden Gewerbeeinrichtung der Gartenstadt, vorbei erreicht man die Schule Hellerau. 1913 von Frick erbaut, wurde sie ab 1921 unter Direktor Max Nitzsche zur Reformschule. Neben neuartigen Unterrichtsmethoden und -formen, Werk- und Kunsterziehungsunterricht sowie Rhythmikübungen im Turnen wurden unter anderem grün gestrichene, die Augen schonende Wandtafeln ausprobiert.

Am Nordwestrand der Siedlung befindet sich das Ensemble des Festspielhauses mit seinen pavillonartigen Pensionshäusern und dem großen Vorplatz. Im Mehrzweckbau von Tessenow (1911/1912) wurde durch die Bildungsanstalt für rhythmische Gymnastik moderner Ausdruckstanz, Musikimprovisation und Gehörbildung gelehrt. Zu den bekanntesten Schülerinnen des Leiters und Schweizer Tanzpädagogen Emile Jaques-Dalcroze gehörten Mary Wigman und Gret Palucca. In der kurzen Zeit bis zum 1. Weltkrieg traf sich während der jährlichen Festspiele die europäische Avantgarde: Henry van de Velde, Oskar Kokoschka, Emil Nolde, Stefan Zweig, Upton Sinclair, Franz Kafka … um nur einige zu nennen. Danach wurde es ruhig. 1932 sah man hier noch die glanzvolle Aufführung von Glucks „Iphigenie in Aulis“ unter Fritz Busch, bevor 1937 eine Polizeischule eingerichtet wurde. Die Wehrmacht baute anschließend weiter um. Von 1945 bis 1992 nahm die sowjetische Armee das Areal in Besitz. In den Aufgängen der Eingangshalle des Festspielhauses wurde bei den jüngsten Rekonstruktionsarbeiten russische Dekorationsmalerei erhalten. Diese stellt den Weg der Truppen nach Deutschland dar. Seit 2004 befindet sich hier das Europäische Zentrum der Künste. Es wurde zum Domizil der Forsythe-Company und dem Theater DEREVO St. Petersburg-Dresden und will so an die Traditionen Helleraus als Hort der modernen Künste anknüpfen.

Unmittelbar vor dem Ensemble erreicht man die Haltestelle "Festspielhaus Hellerau" zur Rückfahrt in die Stadt.

Anschlussroute: Junkers-Häuser - Moritzburger Weg

Wenn Sie Lust haben, können Sie Ihre Wanderung durch den westlichen Teil Helleraus fortsetzen. Folgen Sie dem Heideweg. Zu beiden Seiten stehen schlichte Doppelhäuser, die sogenannten Junkers-Häuser. Ein Betrieb der Klotzscher Flugzeugwerke stellte hier 1956 bis 1959 für heimkehrende Ingenieure Einfamilienhäuser bereit. Der Architekt Roderich Coste hatte sich mit der ersten Eigenheimsiedlung der Nachkriegszeit auf dem Weißen Hirsch empfohlen.

Vor dem Atelier- und Wohnhaus Heideweg Nummer 12 folgt man rechts dem schmalen Weg. Nach Querung der Straße „Auf dem Sand“ geht es geradeaus in die Straße „Am Pilz“. Nach der Biegung fällt das Atelierhaus (Nummer 2) des Landschafts- und Stimmungsmalers Gebhardt mit seinem verglasten Giebel auf. Folgt man der Wandermarkierung mit dem roten Punkt, stößt man in der „Grünen Telle 6“ auf ein Holzhaus mit einem zweigeschossig verglasten Atelierraum des Malers Paul Sinkwitz. Dieser lehrte an der Kunstgewerbeschule Dresden. Auf dem Nachbargrundstück steht das Haus Chrambach, ein Zeugnis der Moderne und einzigartig in der Gartenstadt. 1929/1930 war es das umstrittenste Objekt in Hellerau.

Wir verlassen den Waldrand, halten uns rechts und gehen ein Stück des „Hohen Weges“ weiter. Linker Hand zeigt die Straße „An den Teichwiesen“ eine Mischung aus altem Bestand und neuen Häusern junger Familien. Vorbei am Flächennaturdenkmal der Teichwiesen sieht man schon den kantigen 32 Meter hohen Wasserturm von Hans Richter (1927 bis 1928). Die Straßenbahntrasse am Moritzburger Weg ist erreicht. Vor uns liegen die Sicherungsanlagen des Flughafens. Auf der rechten Seite reihen sich 11 miteinander verbundene Häuser monoton aneinander, der sogenannte „D-Zug“.

Von der Haltestelle "Brunnenweg" oder "Festspielhaus Hellerau" können Sie die Heimfahrt antreten.

Die Ausarbeitung dieses Wandertipps erfolgte mit freundlicher Unterstützung von igeltour Dresden, dem Spezialisten für Führungen durch die Dresdner Stadtteile.


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